Geschichte unseres Mitglieds Vladimir K. und seiner Kolleg_innen

Seit 2013 wird ein großer Gebäudekomplex im Dresdner Stadtteil Löbtau durch die Vormil Grundstücksgesellschaft mbH saniert. Im Frühjahr 2014 begann hier auch unser Kollege Vladimir mit zeitweise über 35 griechischen und bulgarischen Kolleg_innen seinen Job auf der Baustelle.

Ihr Chef war Yordan Genchev und seine City Aktiv GmbH, deren Firmenadresse damals noch ein Briefkasten an einem Berliner Hostel war. Die Kolleg_innen waren mit dem Versprechen fairer Bezahlung und guter Unterbringung nach Deutschland gelockt worden. Vladimir, als einer der älteren Kolleg_innen, sollte vor allem die Arbeit und Geräteausgabe des Bautrupps beaufsichtigen, für Genchev Tagesberichte verfassen und bei den Arbeiten aushelfen.

Doch von guter Arbeit und Unterbringung konnte nicht die Rede sein. Die Kolleg_innen mussten einen Mietvertrag für ein paar Zimmer auf der Baustelle unterschreiben. Von einfachstem Wohnungsstandard konnte kaum gesprochen werden: überfüllte Zimmer, Kälte, Dreck, zu wenige, zu dem nicht zumutbare sanitäre Anlagen. Eine Wahl hatten sie nicht und so wanderte ein Teil des ausbezahlten Lohnes direkt wieder in Genchevs Tasche.

Die Löhne erhielten die Arbeiter_innen als Abschlagszahlung in immer größeren Intervallen und immer kleineren Beträgen, irgendwann nur noch 5,-. Die Kolleg_innen berichteten, dass sie vom Chef aufgefordert wurden in Suppenküchen essen zu gehen oder rüde zurückgewiesen wurden mit Sätzen wie „Wer will kann die Baustelle verlassen, es gibt genug Hungrige in Bulgarien die nachkommen wollen!“.

Auch der Arbeitsschutz wurde nach Aussagen der Betroffenen nicht im Mindesten beachtet. Im Gegenteil wurde einem Kollegen, der wegen mangelnder Absicherung durch die Decke vom 3. in den 2. Stock stürzte, noch eine dabei zu Bruch gegangene Gipskarton-Platte mit 80,- in Rechnung gestellt. Laut der Kolleg_innen nur eine von vielen willkürlichen Geldstrafen des Chefs.

Am 19. Juli 2014 schlugen bisherige Drohungen, v.a. gegen den griechischen Teil der Belegschaft, der immer lauter ordentliche Arbeitsbedingungen forderte, in rohe Gewalt um. Ein griechischer Kollege wurde laut der Aussage von ihm und mehreren Kolleg_innen von Helfer_innen des Chefs ins Krankenhaus geprügelt. Am selben Abend sollen demnach weitere Schläger von Genchev aus Regensburg gerufen worden sein um einen zweiten Sprecher der Belegschaft unschädlich zu machen. Glücklicherweise konnten die Kolleg_innen diesen Angriff gemeinsam abwehren.

Schließlich wendeten sich ein paar Kolleg_innen an die griechische Gemeinde die zusammen mit der IG Bau und dem Ausländerbeirat am 22. Juli eine Kundgebung vor der Baustelle organisierte. Durch einen Pressebericht am nächsten Tag wurden Mitglieder der FAU und des Nachbarschaftsnetzwerkes Löbtau auf das Thema aufmerksam und besuchten noch am Nachmittag erstmalig die Baustelle um zu fragen wie mensch helfen könnte.

Die Stimmung war gedrückt und einige Kolleg_innen hatten bereits ihre Koffer gepackt und sich nach Arbeit umgesehen die auch bezahlt wird. Der Rest hatte die Arbeit niedergelegt. Die Verständigung war schwer, das Misstrauen und die Angst vor Genchev groß. FAU und Nachbarn kamen in den nächsten Tagen wieder, die Kommunikation wurde vertrauter und verbindlicher, die FAU traf sich auch mit einer Vertretung des Ausländerbeirates und dem zusammengeschlagenen Kollegen. Die FAU bat allen Kolleg_innen an sich juristisch wie aktionistisch mit ihnen zu wehren. Auch zwischen Genchev, Vladimir und einigen Kolleg_innen wurde ein Treffen organisiert. Genchev lamentierte, er erhielte kein Geld vom Generalunternehmer und müsste Insolvenz anmelden. Immerhin bezahlte er im Anschluss einen Teil der ausstehenden Löhne und hoffte wohl den Konflikt damit beigelegt zu haben.

Zum Bedauern ging Genchevs Kalkül auf. Alle Kolleg_innen außer Vladimir zogen auf der Suche nach anderen Jobs weiter – sie brauchten zu dringend Geld. Vladimir blieb. Mit anarchistischen Zusammenhängen und dem Löbtauer Hausprojekt Wums zusammen organisierte die FAU das Nötigste.

Genchev und seine Firma tauchten ab, die FAU reichte eine Lohnklage ein und Vladimir wurde mehrere Monate Gast im Wums bis ihn familiäre Gründe zur Heimreise zwangen.

Das Dresdner Arbeitsgericht dagegen verschleppte die Klage immer wieder bis zum August dieses Jahres, als es die Klage überraschend abwies. Genchev behauptete hier, er habe den Mietvertrag zwar schon ausgestellt, Vladimir aber nach einem Tag Probearbeit wegen mangelnder Eignung wieder entlassen. Die bereits bezahlten Lohnabschläge von rund 1200,- die der Kollege bereits mit Quittung erhalten hat, seien laut Genchevs Aussage nicht etwa Lohn gewesen, sondern ein Darlehen zur Rückreise nach Bulgarien. Welch ein gutherziger Mensch dieser Herr Genchev ist, 1200,- an einen Fremden zu verleihen und nicht einmal zurück zu fordern! Vladimir dagegen hatte detailliert seine Tätigkeit auf der Baustelle und die dortigen Verhältnisse dargestellt, sogar Zeugen benannt. Mit der Begründung dass er für seine Tätigkeit keine Tagesdokumentation vorweisen könne, betrachtete das Gericht den Aufruf der benannten Zeugen jedoch als unverhältnismäßig und wies die Klage ab. Nach Ansicht der FAU Dresden ein juristischer Skandal.

Da unser Kollege nun schon seit über eineinhalb Jahren auf sein Geld warten muss und Genchev bei der Verhandlung keinerlei Reue gezeigt hat, hat die FAU Dresden beschlossen Genchev nun mit einer entschlossenen Gewerkschaftskampagne unter Druck zu setzen und seine unmenschlichen Geschäftspraktiken endlich in ausreichendem Maße öffentlich zu machen.

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